In einem früheren Beitrag habe ich grob die einzelnen Schichten des Gehirns beschrieben. In einem weiteren Beitrag habe ich beschrieben, wann und warum eine Notfallreaktion ausgelöst wird. Um verstehen zu können, welche Auswirkungen frühe Traumata auf die weitere Hirnentwicklung haben und warum Traumatisierungen im frühen Alter besonders schwerwiegend sind, ist es unerlässlich, sich mit der Entwicklung des Gehirns und dem Ausbau der neuronalen Strukturen noch einmal unter einem etwas anderen Gesichtspunkt zu beschäftigen.
Der Hirnstamm ist bereits bei Geburt voll ausgebildet und funktionstüchtig. Der Hirnstamm, das sogenannte Reptiliengehirn, ermöglicht alles, was ein neugeborenes Kind machen kann: essen, schlafen, atmen, Nässe und Schmerz empfinden und darauf mit weinen, schreien oder strampeln reagieren sowie die Fähigkeit, Giftstoffe aus dem Körper auszuscheiden. Zusammen mit dem limbischen System, dem so genannten Säugetiergehirn, das sich größtenteils erst nach der Geburt voll ausbildet, in dem sich der Sitz der Emotionen befindet und das für das registrieren von Gefahren und die daraus resultierenden Reaktionen zuständig ist, bildet das Stammhirn den autonom funktionierenden Teil des Gehirns.
Die Großhirnrinde bildet sich, mit einem Maximum an Geschwindigkeit im 2. Lebensjahr, über eine lange Zeit zunehmend aus. Aufgrund von immer mehr gemachten Erfahrungen finden immer mehr Verschaltungen im Gehirn statt. Dies ist das Alleinstellungsmerkmal von uns Menschen gegenüber allen anderen Säugetieren. Nur wir kommen mit einem „derartig offenen, lernfähigen und durch eigene Erfahrungen in seiner weiteren Entwicklung und strukturellen Ausreifung formbaren Gehirn“ (Hüther) zur Welt.
Wenn die Entwicklung gut verläuft, wenn wir von unseren nahestehenden Betreuungspersonen gut reguliert werden und wir uns daraufhin später selbst gut regulieren können, wenn die Großhirnrinde mit den älteren Bereichen des Gehirns gut zusammenarbeitet, wenn ein ausgeglichener Wechsel von Entspannung und Anspannung gegeben ist, dann sind gute Voraussetzungen geschaffen, damit Lösungsstrategien für immer wieder aufkommende Probleme gefunden werden können und ein gelassener Umgang mit Emotionen möglich werden.
Jede neue Verschaltung kann aber nur aufgrund früherer Verschaltungen durch früher gemachte Erfahrungen stattfinden. Es können sich nur diejenigen Bereiche weiterentwickeln, die zuvor funktionell genutzt wurden. Diese werden sich dadurch auch zunehmend verfestigen. Werden diese Entwicklungs- und Reifungsprozesse gestört, dann „wirkt sich diese Störung auch auf alle nachfolgenden Reifungsschritte in all jenen Regionen aus, die funktionell von dieser Störung affiziert sind“ (Hüther).
Ob diese Störungen zu traumatischen Folgestörungen werden, hängt grundsätzlich von verschiedenen Faktoren ab. Die Schwere der Störung spielt dabei eine Rolle, zudem die zeitliche Dauer des „Notfallzustands“ sowie die bereits entwickelten Strategien, um aus diesem „Notfallzustand“ wieder heraus zu kommen.
Gerade dem zuletzt genannten Punkt kommt im frühkindlichen Alter eine elementare Bedeutung zu. Wie zuvor beschrieben, befindet sich der Neocortex noch in der Entwicklung, eigene Problemlösungsstrategien sind, wenn überhaupt, erst geringfügig ausgebildet. Das kleine Menschenkind ist also angewiesen auf Co-Regulierung durch Sicherheit bietende nahe Bezugspersonen, die sich in Reich- und Rufweite befinden. Diese können durch ihre vielfältigen Erfahrungen in allen möglichen Situationen beruhigend auf das Kind einwirken und ihm vermitteln, dass keine Gefahr droht oder dass es Strategien gibt, die Gefahr abzuwenden. Nur dadurch lernt das Kind in zunehmendem Umfang selbst, potentiell gefährliche Situationen zu meistern und sich danach wieder zu beruhigen und in einen regulierten Bereich zu kommen.
Fallen diese co-regulierenden Bezugspersonen durch körperliche oder emotionale Abwesenheit weg oder, was noch schlimmer ist, geht Gefahr durch eben diese nahen Betreuungspersonen aus, ist das Kind allen drohenden Gefahren schutz- und hilflos ausgeliefert. Aufgrund der fehlenden Bewältigungsstrategien bleiben nur die Notfallreaktionen und eine in der Folge ständige Übererregung des limbischen Systems oder eine völlige Kollabierung übrig. Die Auflösung des Traumas und eine Weiterentwicklung sind dadurch unmöglich. Gerald Hüther beschreibt dies in einem 2002 veröffentlichten Beitrag eindrücklich. „Vor allem im frontalen Cortes können unter diesen Bedingungen all jene hochkomplexen synaptischen Verschaltungsmuster nicht herausgeformt und stabilisiert werden, die die Grundlage für die subtilsten Leistungen des menschlichen Gehirns bilden: Die Fähigkeit zur Herausbildung eines Selbstbildes, die Fähigkeit zu Impulskontrolle und Handlungsplanung, und nicht zuletzt emotionale und psychosoziale Kompetenz. Damit fehlen die Voraussetzungen für eine zielgerichtete und bewußte Steuerung von Wahrnehmungs-, Verarbeitungs- und Entscheidungsprozessen in der Auseinandersetzung mit der äußeren (und vielfach auch inneren, körperlichen und seelischen) Welt.“
Daraus kann und muss geschlossen werden, dass alles Mögliche getan werden muss, um frühkindliche Traumatisierung zu vermeiden. Dies betrifft sowohl Information, wie auch Prävention und frühe Intervention, um das Leid der Kinder zu beenden oder möglichst erst gar nicht aufkommen zu lassen. Bereits bestehende Traumatisierungen müssen schnellstmöglich therapiert werden.
Quellen