In einem früheren Beitrag hatte ich beschrieben, was ein traumatisches Erlebnis auszeichnet. Aber was genau passiert mit uns, wenn wir in eine stressige oder gar traumatische Situation geraten und welche Konsequenzen hat dies? Womit hängt es zusammen, dass die einen nach einem schrecklichen Erlebnis nach kurzer Zeit wieder ihr normales Leben weiterführen können und andere nicht? Was dies mit unserem bisherigen Leben zu tun hat, möchte ich in diesem Beitrag versuchen zu erklären.
Alle Erfahrungen, die wir in unserem Leben machen, werden abgespeichert und haben Auswirkungen auf unser zukünftiges Leben und Erleben. Neue, unbekannte Erfahrungen erwecken vielleicht unsere Aufmerksamkeit und machen uns neugierig oder sie erzeugen Stress oder werden sogar als lebensbedrohlich empfunden. Bei schon öfters gemachten gleichen oder ähnlichen Erlebnissen erinnert sich unser autonomes Nervensystem daran, wie diese in der Vergangenheit bewältigt wurden. Je nach Erfahrung ziehen sie dann vielleicht an uns vorbei, ohne dass wir ihnen viel Aufmerksamkeit schenken oder sie bereiten uns Freude, wenn wir positive Erinnerung an sie haben oder aber unser Nervensystem erinnert sich an schlimme und unverarbeitete Erlebnisse und der Körper reagiert erneut mit Stress oder einer Notfallreaktion. Die Entscheidung darüber, wie die Reaktion aussieht, geschieht innerhalb von Millisekunden voll automatisch, ohne dass es einer bewussten Steuerung bedarf.
Wenn wir uns wohl fühlen, alles normal ist und alle Bereiche im Gehirn miteinander zusammenarbeiten, wenn wir weder zu sehr gestresst sind noch apathisch in uns zusammenfallen, also der Bereich zwischen Unterspannung und Hochspannung, bezeichnen Hantke und Görges als Ressourcenbereich. Innerhalb dieses Ressourcenbereichs fühlen wir uns sicher, verbunden mit uns und anderen und im Hier und Jetzt präsent. Wir haben immer mal wieder Ausschläge zum oberen Rand des Ressourcenbereichs, wenn wir uns über etwas aufregen oder wenn wir in Stress geraten, genauso wie Ausschläge zum unteren Rand, wenn wir uns im Ruhezustand befinden.

Bei Säuglingen und kleinen Kindern mit noch wenig gemachten Erfahrungen, ist der Ressourcenbereich noch relativ gering ausgeprägt. Sie geraten deutlich schneller in Situationen, die sie überfordern und die auf sie (lebens)bedrohlich wirken.
Mit zunehmendem Alter und zunehmenden Erfahrungen, die wir durch Unterstützung von anderen oder durch eigene Ressourcen verarbeiten konnten, weitet sich der Ressourcenbereich aus und wir können eher mit Situationen umgehen, die uns zu einem früheren Zeitpunkt außerordentlich gestresst hätten.
Sind wir aber im Laufe unseres Lebens immer wieder schwerwiegenden Ereignissen ausgesetzt und wird immer wieder eine Notfallreaktion eingeleitet, wird der Ressourcenbereich klein bleiben.
Bei allen Ereignissen, die nicht in unser bisheriges Schema passen, die zu schwerwiegend sind und die deshalb nicht sofort verarbeitet werden können, wird innerhalb von Millisekunden ohne unser Zutun ein voll automatisiertes Programm ausgelöst. Das Säugetiergehirn übernimmt die Verantwortung. Die Amygdala meldet Alarm, der Körper wird auf Kampf oder Flucht vorbereitet. Der Herzschlag wird schneller, die Muskeln werden angespannt und alle Bereiche, die für das Überleben nicht notwendig sind, werden abgeschaltet. Genaueres über die einzelnen Schichten im Gehirn habe ich in einem früheren Beitrag beschrieben.
In der ersten Stufe, die von Hantke und Jörges „Orientierungsreaktion“ genannt wird, machen wir das, was alle anderen Säugetiere, die wie wir Menschen auch, nur in Gruppen überleben können, in solchen Situationen machen. Wir schauen uns um und orientieren uns wenn möglich an anderen, wie diese mit dieser Situation umgehen und schauen zudem, ob jemand da ist, der uns helfen kann oder der unsere Hilfe benötigt. Dies alles geschieht, wie geschrieben, innerhalb kürzester Zeit.
Wenn die Orientierung nicht zu einer Lösung führt, wird die zweite Stufe, die Notfallreaktion, ausgelöst. Auch dies geschieht automatisch und in kürzester Zeit. Wir versuchen zu schreien, um uns zu schlagen oder wir versuchen so schnell wie möglich, aus der Situation zu entkommen. Sollte Kampf oder Flucht nicht möglich sein, tritt ein Zustand von Lähmung ein (Freeze). Trägt auch dies nicht zur Abwendung der Gefahr bei, wird als letzte Maßnahme der Notfallreaktion die erzeugte Hochspannung im Körper nahezu komplett heruntergefahren und eine Situation der Apathie oder Ohnmacht stellt sich ein. Dies ist bekannt als Totstellreflex.

Zu den Bereichen, die während der Notfallreaktion (weitestgehend) abgeschaltet werden, zählt auch der bewusst denkende Teil unseres Gehirns, die Großhirnrinde. Dieser Bereich funktioniert viel zu langsam und denken ist für das Überleben auch nicht notwendig. Die Trennung der Verbindung vom Säugetiergehirn zur Großhirnrinde hat allerdings zur Folge, dass der Hippocampus die eintreffenden Informationen nicht mehr zum Archivieren an die Großhirnrinde weiterleiten kann und diese dann als Einzelteile ohne Zusammenhang umherschwirren. Erst nach Beendigung der Notfallreaktion, wenn die Gefahr vorüber ist und alle Verbindungen wieder da sind, werden diese Einzelteile im Normalfall nach und nach an die Großhirnrinde weitergegeben und archiviert, so dass sie wieder geordnet abgerufen werden können.
Ob dieser Normalfall eintrifft, das Ereignis im Nachhinein also archiviert wird und in Zukunft als Geschehen mit einem Anfang einem Mittelteil und einem Schluss wieder abgerufen werden kann, hängt von der Schwere des Ereignisses oder der Häufigkeit von immer wieder auftretenden schwer zu verkraftenden Situationen ab. Welche Folgen es hat, wenn gemachte Erlebnisse nicht archiviert werden können, darauf gehe ich in einem späteren Beitrag ein.
Quellen