Der Vagusnerv, auch 10. Hirnnerv genannt, ist der längste der Nerven, die das Gehirn mit dem Körper verbinden. Er verläuft vom Hirnstamm aus rechts und links am Hals entlang zur Lunge, zum Herz und in die meisten Bauchorgane. Er ist dadurch an der Regulation der Funktionen fast aller inneren Organe beteiligt. Durch die Größe der Verteilung kam er auch zu seinem Namen. Das lateinische Wort „vagari“ bedeutet „umherschweifen“. Es handelt sich also um den „umherschweifenden Nerv“. Er ist Teil des Parasympathischen Nervensystems (PNS) innerhalb des autonomen Nervensystems (ANS), also des Nervensystems, das ohne bewusstes Zutun arbeitet.
Der Vagusnerv ist mittlerweile omnipräsent, wird gar als Wundernerv beschrieben. Aber ist er das wirklich?
Viele seiner Fähigkeiten sind noch nicht erforscht. Aber das, was man inzwischen weiß, unterstreicht die enorme Bedeutung des Vagusnervs. Er reguliert viele lebenswichtige Prozesse im Körper und hält, wenn er normal arbeitet, unser System im Gleichgewicht. Ist er aktiv, hält er den Körper gesund.
Während bei Anstrengung das sympathische Nervensystem in Aktion ist, beruhigt das parasympathische Nervensystem, dessen Hauptakteur der Vagusnerv ist, nach der Anstrengung unser System, um das Gleichgewischt wiederherzustellen. Ein gesunder Vagusnerv bringt den Körper nach der Anstrengung wieder zurück in den Ruhemodus.
Bei chronischem Stress ist der Sympathikus allerdings so aktiv, dass ein herunterfahren durch den Parasympathikus nahezu nicht mehr möglich ist und das Gleichgewicht nicht mehr hergestellt werden kann. Chronischer Stress hemmt also den Vagusnerv. Die Folge davon ist, dass wir uns dann ständig in einem Zustand von „fight or flight“ befinden.
Ein aktiver Vagusnerv ist allerdings nicht nur wichtig für die Regulation und das wiederherstellen der Balance. Er ist, in aktiviertem Zustand, auch in der Lage, Krankheiten zu reduzieren oder zu heilen. Die Behandlung von Epilepsie beispielsweise erfolgt seit längerer Zeit schon teilweise durch ein Implantat am Vagusnerv, das regelmäßige Stromimpulse an den Vagusnerv aussendet und ihn dadurch stimuliert. Auch bei der Behandlung von Morbus Chron, Bluthochdruck, Rheuma, Parkinson, Depression, Adipositas und dem Fatigue Syndrom wird die Vagusnervstimulation eingesetzt.
Neben der direkten Stimulation durch das Einsetzen eines Implantats am Nerv selbst ist die Stimulation des Vagusnervs nur an ganz speziellen Stellen am Körper möglich. Nämlich da, wo der Nerv nahe an der Körperoberfläche verläuft. Das ist einmal an einer speziellen Stelle am Ohr sowie im Halsbereich. Auf dem Markt sind zur Stimulation des Vagusnervs eine Vielzahl an frei verkäuflichen Geräten erhältlich. Ob diese wirklich zu einer Stimulierung des Vagusnervs führen, ist allerdings nicht gesichert.
Gesichert ist allerdings, dass Techniken angewandt werden können, die zur Vagusaktivierung führen.
Die wichtigste und erfolgversprechendste Technik ist die der tiefen Bauchatmung. Die Atmung ist eine der wenigen Möglichkeiten, wie wir auf das autonome Nervensystem, und dadurch auch auf den Vagusnerv, Einfluss nehmen können. Täglich 15 Minuten tief in den Bauch atmen, wobei die Ausatmung länger als die Einatmung dauern soll, aktiviert nachweislich den Vagusnerv. Als Richtwert kann in etwa dienen, dass für die Einatmung 4 Sekunden und für die Ausatmung 6 Sekunden verstreichen sollen.
Untersuchungen haben auch ergeben, dass Ausdauersport den Vagusnerv aktiviert. Weiterhin hat, über die Förderung der Herzratenvariabilität, auch Musiktherapie einen Einfluss auf die Aktivierung des Vagusnervs.
Anhand der eben beschriebenen Herzraten- oder Herzfrequenzvariabilität ist die Aktivität des Vagusnervs messbar. Der Vagusnerv steuert die Abstände zwischen den Herzschlägen. Ist er aktiv, werden die Zeiten zwischen den einzelnen Herzschlägen variabler. Eine geringe Variabilität hingegen erhöht das Risiko für viele chronische Erkrankungen wie erhöhter Blutdruck, ein erhöhtes Herzinfarktrisiko oder Übergewicht.
Zu der von Stephen Porges begründeten Polyvagal Theorie, die ausführlich erklärt, wie unser autonomes Nervensystem funktioniert und die den Vagusnerv in ihren Mittelpunkt stellt, werde ich zu einem späteren Zeitpunkt einen eigenen Beitrag schreiben.
Quellen
https://www.arte.tv/de/videos/120436-000-A/vagusnerv-wie-das-hirn-zum-herzen-spricht/
https://www.css.ch/de/privatkunden/meine-gesundheit/koerper/magen-darm/vagusnerv-stimulieren.html
https://www.apotheke-leipzig.de/leben/den-vagusnerv-aktivieren-fuer-mehr-inneren-ausgleich/
https://polyvagal-akademie.com/theorie
* Deb Dana, Die Polyvagal-Theorie in der Therapie – Den Rhythmus der Regulation nutzen