Im letzten Beitrag habe ich zu umschreiben versucht, wann eine Erfahrung zu einer Traumatisierung wird. Ungeachtet der subjektiven oder objektiven Einschätzung oder Gewissheit darüber, dass eine Traumatisierung vorliegt, braucht es, wie bei allen somatischen oder psychischen Beschwerden, einer Einordnung dieser Beschwerden in ein offizielles Diagnosesystem, damit von den Kranken- oder Rentenkassen Gelder für die Therapierung dieser Beschwerden freigegeben werden kann.
In Deutschland wie in weiten Teilen der Welt geschieht die Einordnung nach einer Klassifikationsliste der Weltgesundheitsorganistaion (WHO), die sich International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme), oder kurz ICD nennt. Die neueste Version, der ICD11, trat am 01.01.2022 in Kraft und wird, nach der Übersetzung in die deutsche Sprache, die Vorgängerversion, den ICD10, ablösen. Im ICD11, wie auch in allen Vorgängerversionen, sind Beschwerden und Erkrankungen in verschiedene Kapitel unterteilt. Diese Kapitel sind wiederum in verschiedene Gruppen und Untergruppen unterteilt, wodurch schließlich zu jeder Störung oder Erkrankungen die entsprechenden Diagnosekriterien ersichtlich werden.
Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
Die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung wurde erstmals 1980 in das amerikanische Diagnose-Manual Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) aufgenommen. Kurze Zeit später hielt sie auch im ICD10 Einzug und hat den darin Code F43.1. Zur geschichtlichen Entwicklung der Psychotraumatogogie habe ich zu einer früheren zeit einen eigenen Beitrag verfasst.
PTBS entsteht nach ICD10 als eine verzögerte oder verlängerte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde.
Betroffene haben wiederholte sich aufdrängenden Erinnerungen an das Ereignis (Nachhallerinnerungen, Flashbacks) oder Träume oder Albträume, die vor dem Hintergrund eines andauernden Gefühls von Betäubtsein und emotionaler Stumpfheit auftreten.
Betroffene zeigen Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen, Teilnahmslosigkeit der Umgebung gegenüber, Freudlosigkeit sowie Vermeidung von Aktivitäten und Situationen, die Erinnerungen an das Trauma wachrufen könnten.
Zumeist treten auch Zustände von Übererregtheit, Schreckhaftigkeit und/oder Schlafstörungen ein. Angst und Depressionen sind häufig verbunden mit PTBS.
Der Beginn der PTBS folgt um Wochen oder Monate zeitverzögert auf das Ereignis.
Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (KPTBS)
Die Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung wurde im Jahr 2022 erstmals in die neueste Version des ICD, in die Version ICD11, als eigenständige Diagnose aufgenommen. Sie trägt dort den Code 6B41.
Es handelt sich dabei um eine Störung, die sich nach dem Erleben von einem oder mehreren Ereignissen von extrem bedrohlicher oder schrecklicher Natur, die zumeist langanhaltend oder sich wiederholend auftreten und denen man nur schwer oder gar nicht entkommen kann, entwickeln kann. Als Beispiele werden Folter, Sklaverei, Völkermordkampagnen, langanhaltende häusliche Gewalt, wiederholter sexueller oder körperlicher Missbrauch in der Kindheit genannt.
Alle diagnostischen Voraussetzungen für eine PTBS müssen erfüllt sein.
Darüber hinaus zeichnet sich die komplexe PTBS durch schwere und anhaltende
- Probleme bei der Affektregulierung;
- Überzeugungen über die eigene Person als erniedrigt, unterlegen oder wertlos, begleitet von Scham-, Schuld- oder Versagensgefühlen im Zusammenhang mit dem traumatischen Ereignis;
- Schwierigkeiten, Beziehungen aufrechtzuerhalten und sich Anderen nahe zu fühlen.
aus.
Die genannten Symptome führen zu bedeutsamen Beeinträchtigungen in persönlichen, familiären, sozialen, ausbildungsbezogenen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.
Quellen
https://klassifikationen.bfarm.de/icd-10-who/kode-suche/htmlamtl2019/index.htm#V
https://klassifikationen.bfarm.de/icd-10-who/kode-suche/htmlamtl2019/block-f40-f48.htm
https://de.wikipedia.org/wiki/Posttraumatische_Belastungsst%C3%B6rung
https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-11/uebersetzung/_node.html