Ist jede Verletzung ein Trauma? Oder führt jedes schlimme Erlebnis zu einer Traumatisierung?
In der Medizin wird jede Auswirkung auf eine körperliche Verwundung als Trauma bezeichnet. Das Wort Trauma kommt aus dem Griechischen und bedeutet einfach Verletzung. Jeder Schlag, jeder Stoß und jeder Unfall führen im medizinischen Sinne zu einem Trauma.
In der Psychologie, bei der es um seelische Verletzungen geht, sieht es ein wenig anders aus. Jede psychische Verletzung kann zu einer Traumatisierung führen, muss aber nicht zwangsläufig. Wenn im Folgenden von Traumatisierung geschrieben wird, dann ist immer das Psychotrauma gemeint.
Wann wird denn nun eine seelische Verletzung zu einer Traumatisierung?
Kein Erlebnis, mag es auch noch so schrecklich sein, führt in jedem Fall zu einer Traumatisierung. „Erst wenn über längere Zeit keine Möglichkeit besteht, die Erfahrungen zu verarbeiten, die während des Ereignisses nicht integriert werden konnten, sprechen wir von einem Trauma“ (Hantke und Görges, Seite 63). Nicht das Ereignis an sich ist also entscheidend, sondern die Zeit nach dem Ereignis entscheidet darüber, ob eine Erfahrung zum Trauma wird. Wir sehen also, Traumatisierung ist in höchstem Maße individuell und abhängig davon, wie es gelingt, eine schreckliche Erfahrung zu verarbeiten.
Die Verarbeitungsmöglichkeiten wiederum hängen von verschiedensten Faktoren ab.
Je jünger eine Person ist, desto eher entsteht eine Traumatisierung. Umgekehrt ausgedrückt bedeutet das: je öfter wir die Erfahrung gemacht haben, dass ein für uns schreckliches Ereignis ein Ende hat und wir es in unser System integrieren konnten, desto resilienter werden wir und desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit einer Traumatisierung.
Wenn die Möglichkeit besteht, uns aus einer Situation zu entfernen, in der uns schlimmes angetan wurde, wenn wir also aktiv werden können, dann kann eine Verarbeitung und Integration auch besser stattfinden. Auch dies wirkt einer Traumatisierung entgegen.
Weiterhin ist von entscheidender Bedeutung, in welchem Umfeld wir uns bewegen, wie groß also die Unterstützungsmöglichkeiten sind, die uns in der Zeit nach einer potentiell traumatischen Situation zur Seite stehen. Eltern beispielsweise, die beruhigend und unterstützend zur Seite stehen.
Eine grundlegende Definition von Trauma beschreibt Verena König in ihrem Buch „Bin ich traumatisiert? – Wie wir die immer gleichen Problemschleifen verlassen“
„Ein traumatisches Erlebnis zeichnet sich dadurch aus, dass es die Bewältigungs- und Verarbeitungsfähigkeiten des Betroffenen übersteigt. Es hat eine solche Wucht und Intensität, dass der Betroffene davon überwältigt wird und Gefühle von Hilflosigkeit, Ohnmacht und Lebensbedrohung erfährt.“ (König, Seite 31)
Lydia Hantke und Hans-Joachim Görges sprechen von Traumatisierung, „wenn ein Ereignis, gleich welcher Natur, nicht während des Geschehens verarbeitet werden konnte und wenn auch nachfolgend die körperlichen und vor allem sozialen Voraussetzungen nicht gegeben sind, um die Folgen zu integrieren.“ (Hantke und Görges, Seite 66)
Immer also, wenn individuell Lebensbedrohung empfunden wird, wenn eine Situation von Ohnmacht entsteht, wenn wir nicht fliehen können und uns hilflos fühlen und dieses Erlebnis (oder diese Erlebnisse) nicht integrieren können, immer dann entsteht eine Traumatisierung.
In meinem nächsten Beitrag gehe ich genauer auf die beiden damit verbundenen Störungsbilder Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (KPTBS) ein.
Quellen
* Verena König, Bin ich traumatisiert – Wie wir die immer gleichen Problemschleifen verlassen